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Dissoziation verstehen: Wenn man sich selbst nicht spüren kann

  • vor 1 Tag
  • 6 Min. Lesezeit

Ein Beitrag aus der traumasensiblen Körperpsychotherapie


Ein vertrautes Erleben – das kaum benannt wird

Man sitzt in einem Gespräch und merkt plötzlich, dass man gar nicht mehr wirklich zuhört – nicht weil man unaufmerksam ist, sondern weil man irgendwie weg ist. Man schaut auf die eigenen Hände und sie wirken fremd. Man fährt eine bekannte Strecke und erinnert sich nicht, wie man angekommen ist. Man steckt mitten in einem Konflikt und erlebt sich wie hinter Glas: alles passiert, aber man ist nicht wirklich dabei.


Diese Erfahrungen sind häufiger als oft angenommen – und sie haben einen Namen: Dissoziation. In der traumasensiblen Körperpsychotherapie ist Dissoziation kein Randphänomen. Sie ist eine der zentralen Schutzreaktionen des Nervensystems und zugleich eines der häufigsten Hindernisse auf dem Weg zu tieferem Kontakt mit sich selbst.

 

Ein kaum erkennbarer Baum im Nebel.

Was Dissoziation bedeutet – und was sie nicht ist

Der Begriff Dissoziation bezeichnet eine Unterbrechung der normalen Integration von Bewusstsein, Wahrnehmung, Gedächtnis, Identität und Körpererleben (DSM-5; APA, 2013). Er beschreibt ein Spektrum – von milden, alltagsnahen Zuständen bis hin zu schweren dissoziativen Störungen.


Dissoziation ist kein Zeichen von Schwäche und keine psychische Erkrankung an sich. Sie ist zunächst eine adaptive Reaktion des Organismus auf Überwältigung. Wenn ein Erlebnis zu viel ist – zu schmerzhaft, zu bedrohlich, zu verwirrend –, kann das Nervensystem durch Dissoziation eine Art Puffer erzeugen: Die Erfahrung wird vom bewussten Erleben abgetrennt, um das Subjekt zu schützen.


Wichtig ist die Unterscheidung von Dissoziation und Entspannung oder Erschöpfung. Dissoziation ist kein Ausruhen. Sie ist ein aktiver, oft unbewusster Regulationsprozess – mit realen Auswirkungen auf die Wahrnehmung, das Körpergefühl und die Fähigkeit zur Kontaktaufnahme.

 

Neurobiologische Grundlagen: Das Nervensystem schützt

Um Dissoziation zu verstehen, hilft ein Blick auf das autonome Nervensystem. Stephen Porges hat mit seiner Polyvagal-Theorie ein differenziertes Modell vorgelegt, das zeigt, wie das Nervensystem in Reaktion auf Bedrohung zwischen verschiedenen Zuständen wechselt (Porges, 2011).


Im Zustand sozialer Verbundenheit – dem ventralen Vaguszustand – ist der Organismus offen für Kontakt, Lernen und Regulation. Bei wahrgenommener Bedrohung mobilisiert das sympathische Nervensystem Energie für Kampf oder Flucht. Wenn jedoch weder Kampf noch Flucht möglich ist – und das ist bei frühkindlichen Überwältigungserfahrungen regelhaft der Fall, denn ein Kind kann nicht weglaufen – schaltet das Nervensystem auf den ältesten Zweig des Vagusnervs um: den dorsalen Vagus. Dieser Zustand ist gekennzeichnet durch Immobilisierung, Erstarrung, Abflachung des Erlebens – kurz: durch Dissoziation.


Dissoziation ist demnach keine Fehlfunktion. Sie ist eine phylogenetisch alte, hochgradig effektive Notfallreaktion. Problematisch wird sie erst dann, wenn das Nervensystem gelernt hat, in diesem Zustand zu verharren – auch dann, wenn die ursprüngliche Bedrohung längst nicht mehr vorhanden ist.

 

Formen der Dissoziation: Ein Spektrum

Dissoziation zeigt sich auf unterschiedlichen Ebenen und in sehr unterschiedlicher Intensität. In der klinischen und körperpsychotherapeutischen Praxis begegnen uns vor allem folgende Formen:

Depersonalisation bezeichnet das Erleben, sich selbst fremd zu sein – als würde man sich von außen beobachten, als gehöre der eigene Körper nicht zu einem. Die Derealisation beschreibt ein ähnliches Phänomen auf der Ebene der Umgebung: Die Welt wirkt unwirklich, wie hinter Glas oder in einem Traum.


Somatoforme Dissoziation meint die Abspaltung körperlicher Empfindungen: Taubheitsgefühle, das Nichtspüren von Schmerz, das Fehlen von Körpergefühl in bestimmten Regionen. Paul Nijenhuis hat diesen Bereich systematisch untersucht und gezeigt, wie eng somatoforme Dissoziation mit frühen Traumatisierungen zusammenhängt (Nijenhuis, 2004).


Amnestische Dissoziation betrifft das Gedächtnis: Lücken, das Nicht-Erinnern von Ereignissen oder ganzen Lebensabschnitten, die dennoch das Verhalten und Erleben der Person beeinflussen.

Strukturelle Dissoziation – ein Konzept, das von Onno van der Hart, Ellert Nijenhuis und Kathy Steele ausgearbeitet wurde – beschreibt die Spaltung der Persönlichkeit in einen scheinbar normalen Anteil (ANP), der das Alltagsleben bewältigt, und einen oder mehrere emotionale Anteile (EP), die traumatisches Material tragen und in Stresssituationen aktiviert werden (van der Hart, Nijenhuis & Steele, 2006).

 

Dissoziation und Entwicklungstrauma

Dissoziative Muster entstehen besonders häufig im Kontext von Entwicklungstrauma – also in Situationen, in denen frühe Beziehungserfahrungen von chronischer Überwältigung, Vernachlässigung, Unvorhersehbarkeit oder Bindungsdesorganisation geprägt waren.


Laurence Heller betont im NARM (NeuroAffektives Beziehungsmodell), dass Dissoziation in diesen Kontexten nicht nur eine Reaktion auf einzelne Ereignisse ist, sondern ein Organisationsprinzip des Selbst werden kann: Bestimmte Gefühle, Körperempfindungen und Bedürfnisse werden systematisch vom Erleben abgetrennt, um die Beziehung zur Bezugsperson aufrechtzuerhalten (Heller & LaPierre, 2012). Das Kind lernt: Dieser Teil von mir darf nicht sein.


Bessel van der Kolk hat eindrücklich beschrieben, wie traumatische Erfahrungen im Körper gespeichert werden – oft außerhalb des expliziten, sprachlichen Gedächtnisses (van der Kolk, 2014). Dissoziation ist in diesem Modell eine der zentralen Strategien, mit der das Subjekt das im Körper gespeicherte Material vom Bewusstsein fernhält. Das Problem: Was abgespalten wird, kann nicht integriert werden – und was nicht integriert wird, bleibt wirksam.

 

Dissoziation in der körperpsychotherapeutischen Arbeit

In der Körperpsychotherapie ist Dissoziation kein Hindernis, das beseitigt werden muss – sie ist eine Information. Sie zeigt, wo das Nervensystem noch nicht ausreichend Sicherheit hat, um in Kontakt zu gehen. Der therapeutische Umgang mit Dissoziation erfordert deshalb vor allem eines: Geduld und ein feines Gespür für den Regulationszustand des Klienten.


Das Toleranzfenster (Siegel, 1999) ist dabei eine zentrale Orientierungsgröße. Arbeit mit dissoziativen Zuständen geschieht idealerweise an der unteren Grenze des Toleranzfensters: nah genug am aktivierten Material, um Kontakt herzustellen – aber nicht so nah, dass das System erneut in Überwältigung oder Erstarrung kippt.


Körperorientierte Interventionen spielen eine besondere Rolle: Erdungsübungen, die Aufmerksamkeit auf Kontaktflächen (Füße auf dem Boden, Rücken auf dem Stuhl), Orientierung im Raum, bewusstes Verlangsamen des Atems – all das sind Wege, das Nervensystem aus dem dorsalen Vaguszustand herauszuführen und wieder in den Bereich sozialer Verbundenheit einzuladen (Porges, 2011; Levine, 2010).

Dissoziation weicht nicht durch Konfrontation. Sie weicht durch Sicherheit.

 

Fazit: Dissoziation als Sprache des Nervensystems

Dissoziation ist kein Versagen und keine Schwäche. Sie ist die Sprache eines Nervensystems, das gelernt hat: Manchmal ist Kontakt zu gefährlich. In der traumasensiblen Körperpsychotherapie wird diese Sprache ernst genommen – als Hinweis, als Schutz, und als Ausgangspunkt für einen behutsamen Weg zurück in Verbindung.

Denn das Ziel ist nicht, Dissoziation zu überwinden. Das Ziel ist, dem Nervensystem so viel Sicherheit zu geben, dass es sie nicht mehr braucht.

 

Häufige Fragen (FAQ)

Was ist Dissoziation?

Dissoziation bezeichnet eine Unterbrechung der normalen Integration von Bewusstsein, Wahrnehmung, Gedächtnis, Identität und Körpererleben. Sie reicht von alltäglichen Phänomenen wie Tagträumen oder dem Autopiloten-Fahren bis hin zu ausgeprägten dissoziativen Zuständen, die das tägliche Leben erheblich beeinträchtigen können.


Ist Dissoziation eine psychische Erkrankung?

Dissoziation selbst ist keine Erkrankung, sondern zunächst eine adaptive Schutzreaktion des Nervensystems auf Überwältigung. Erst wenn dissoziative Zustände chronisch werden und das Erleben sowie die Alltagsfunktionsfähigkeit dauerhaft beeinträchtigen, spricht man von einer dissoziativen Störung im klinischen Sinne.


Was ist der Unterschied zwischen Depersonalisation und Derealisation?

Depersonalisation beschreibt das Erleben, sich selbst fremd zu sein – als würde man sich von außen beobachten oder der eigene Körper gehöre einem nicht. Derealisation bezieht sich auf die Umgebung: Die Welt wirkt unwirklich, wie hinter Glas oder in einem Traum. Beide können gleichzeitig auftreten.


Was hat Dissoziation mit Trauma zu tun?

Dissoziative Reaktionen entstehen häufig als Antwort auf traumatische Erfahrungen – insbesondere dann, wenn weder Kampf noch Flucht möglich war. Bei Entwicklungstrauma kann Dissoziation zu einem dauerhaften Organisationsprinzip werden: Bestimmte Gefühle, Bedürfnisse oder Körperempfindungen werden chronisch vom Bewusstsein abgetrennt.


Was ist somatoforme Dissoziation?

Somatoforme Dissoziation bezeichnet die Abspaltung körperlicher Empfindungen: Taubheitsgefühle, fehlendes Körpergefühl in bestimmten Regionen, das Nichtspüren von Schmerz oder Temperatur. Sie ist eng mit frühen Traumatisierungen verknüpft und ein zentrales Arbeitsfeld der Körperpsychotherapie.


Was ist die Polyvagal-Theorie und was hat sie mit Dissoziation zu tun?

Die Polyvagal-Theorie von Stephen Porges beschreibt drei Zustände des autonomen Nervensystems: sozialer Kontakt (ventraler Vagus), Mobilisierung (Sympathikus) und Immobilisierung (dorsaler Vagus). Dissoziation entspricht dem dorsalen Vaguszustand – einer phylogenetisch alten Notfallreaktion auf Situationen, in denen weder Kampf noch Flucht möglich ist.


Wie wird mit Dissoziation in der Körperpsychotherapie gearbeitet?

In der körperpsychotherapeutischen Arbeit wird Dissoziation nicht bekämpft, sondern als Information ernst genommen. Zentral sind Erdung und Orientierung im Raum, das behutsame Erweitern des Toleranzfensters sowie die Arbeit im sicheren Beziehungsrahmen. Das Nervensystem braucht Sicherheit – nicht Konfrontation – um aus dissoziativen Zuständen herausfinden zu können.


Kann ich mit Dissoziation in deine Praxis kommen?

Ja. Dissoziative Zustände sind in der traumasensiblen Körperpsychotherapie und im NARM-Ansatz ein vertrautes Arbeitsfeld. Wenn du merkst, dass du dich häufig nicht spürst, innerlich wegswitchst oder dich von dir selbst entfernt fühlst, ist das ein sinnvoller Anlass, professionelle Begleitung zu suchen. Ich arbeite in Leipzig und online.

 

Literatur

American Psychiatric Association (APA). (2013). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (5th ed.). APA Publishing. [Dt.: DSM-5. Huber, 2015.]

Heller, L. & LaPierre, A. (2012). Healing Developmental Trauma. North Atlantic Books. [Dt.: Entwicklungstrauma heilen. Kösel, 2013.]

Levine, P. A. (2010). In an Unspoken Voice. North Atlantic Books. [Dt.: Sprache ohne Worte. Kösel, 2011.]

Nijenhuis, E. R. S. (2004). Somatoform Dissociation: Phenomena, Measurement, and Theoretical Issues. Norton.

Porges, S. W. (2011). The Polyvagal Theory: Neurophysiological Foundations of Emotions, Attachment, Communication, and Self-Regulation. Norton. [Dt.: Die Polyvagal-Theorie. Junfermann, 2017.]

Siegel, D. J. (1999). The Developing Mind. Guilford Press.

van der Hart, O., Nijenhuis, E. R. S. & Steele, K. (2006). The Haunted Self: Structural Dissociation and the Treatment of Chronic Traumatization. Norton. [Dt.: Das verfolgte Selbst. Junfermann, 2008.]

van der Kolk, B. (2014). The Body Keeps the Score. Viking. [Dt.: Verkörperter Schrecken. Probst, 2015.]

 
 
 

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