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NARM Kritik: Was dran ist – und was nicht

  • vor 6 Tagen
  • 7 Min. Lesezeit

Hinter der Suche nach „NARM Kritik" steckt – in meiner Wahrnehmung – selten einfach Ablehnung. Meistens stecken dahinter ernsthafte Fragen: Ist das seriös? Kann ich dem vertrauen?

Ich stelle mir diese Fragen selbst. Mit einem B.A. in Erziehungswissenschaften und einem M.A. in Motologie mit Schwerpunkt Körperpsychotherapie habe ich gelernt, genau hinzuschauen: Was sagt die Datenlage wirklich? Was sagt meine eigene Erfahrung? Und was ergibt für mich persönlich Sinn?

Diese Haltung nehme ich auch gegenüber NARM ein – der Methode, mit der ich täglich arbeite. Nichts für gegeben nehmen. Das klingt zunächst wie eine wissenschaftliche Grundhaltung – aber es beschreibt eigentlich auch das Herz von NARM selbst: neugierig die Brille zu hinterfragen, durch die wir die Realität wahrnehmen. In einem lebendigen Explorationsprozess immer wieder neu schauen, was deine Wahrheit ist – ohne den Ausgang zu kennen.


Was ist NARM – kurz erklärt

NARM steht für NeuroAffective Relational Model, entwickelt von Dr. Laurence Heller. Die Methode arbeitet mit den Folgen früher Traumatisierung: Bindungsunterbrechungen, emotionaler Vernachlässigung, dem, was passiert, wenn ein Kind sich früh anpassen musste, um sicher zu sein.

Der Ansatz verbindet Körperarbeit, Beziehungserfahrung und neurowissenschaftliche Grundlagen. Es geht nicht darum, alte Wunden nochmal aufzureißen. Es geht darum zu verstehen, welche Überlebensstrategien sich eingeschrieben haben – und was möglich wird, wenn man beginnt, sie zu erkennen.

Einen ausführlicheren Überblick gibt es hier: Was ist NARM?


Brille auf aufgeschlagenem Buch – Symbol für kritische Auseinandersetzung mit NARM

Die Kritik – und wie ich sie einordne

1. Die Studienlage

Die häufigste Kritik: NARM hat kaum randomisierte kontrollierte Studien (RCTs), wie sie für EMDR oder kognitive Verhaltenstherapie existieren. Das stimmt. Und es ist ein echtes Manko.

Was mich dabei aber beschäftigt, ist eine andere Frage: Was messen RCTs in der Psychotherapie eigentlich – und was nicht?


RCTs wurden in der Pharmakologie entwickelt, um einen Wirkstoff von allem anderen zu isolieren. Bei Medikamenten ergibt das Sinn. Bei Psychotherapie ist das strukturell schwieriger. Denn was wäre hier das Placebo? Die Beziehung zur therapeutischen Person? Die Erwartung, dass sich etwas verändert? Genau das sind nach aktuellem Forschungsstand keine Störvariablen – das sind die Faktoren, die tragen.


Um eine Methode in einem RCT zu standardisieren, muss sie manualisiert werden. Die therapeutische Person folgt einem Protokoll. Damit wird genau das reduziert, was die Forschung als entscheidend identifiziert hat.


Bruce Wampold und Zac Imel haben in „The Great Psychotherapy Debate" (2015) einen großen Teil der vorhandenen Psychotherapieforschung ausgewertet. Ihr Befund: Die Unterschiede in den Wirksamkeitsergebnissen zwischen ernsthaft betriebenen Therapieansätzen sind klein. Was den Unterschied macht, sind die sogenannten Common Factors – vor allem die therapeutische Allianz, die Empathie der therapeutischen Person, die Erwartungen der Klientin oder des Klienten. Der stärkste einzelne Faktor ist nicht die Methode. Es ist die therapeutische Person selbst.

Das verschiebt die Frage von „Welche Methode hat mehr Studien?" zu „In welchem Beziehungsrahmen fühlt sich eine Person sicher genug, um alte Identifikationen und Schutzstrategien zu hinterfragen – und womöglich loszulassen?"


Was gemessen wird – und was fehlt

Viele Therapiestudien messen Symptomreduktion: Depressionsscores, Angstskalen, Häufigkeit von Panikattacken. Das ist nachvollziehbar, weil es messbar ist.

Aber ob das erfasst, wonach Menschen therapeutische Begleitung aufsuchen, ist eine andere Frage. Mehr fühlen dürfen. Verstehen, warum immer wieder dieselben Muster auftauchen. Eine tiefere Beziehung zu sich selbst aufbauen.

Das taucht in Fragebögen kaum auf.


Wenn jemand nach einer Verhaltenstherapie weniger Panikattacken hat, aber immer noch nicht weiß, wer man jenseits der eigenen Überlebensstrategien ist – wie vollständig ist das Ergebnis dann? Das ist keine rhetorische Frage. Es ist eine methodologische Lücke, die die Forschung selbst noch nicht befriedigend geschlossen hat.

NARM zielt nicht auf Symptomkontrolle ab. Es zielt auf etwas anderes – das sich schlechter in Tabellen erfassen lässt.


Was das deutsche Anerkennungssystem damit zu tun hat

In den USA hat die American Psychological Association (APA) humanistische Psychologie und Therapie seit Jahrzehnten institutionell verankert. In vielen europäischen Ländern – Großbritannien, den Niederlanden, Österreich – werden humanistische Verfahren als Ausbildungs- und Praxisrahmen anerkannt.


In Deutschland entscheidet der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie (WBP) darüber, welche Verfahren als „wissenschaftlich anerkannt" gelten. 2018 veröffentlichte der WBP sein Gutachten zur Humanistischen Psychotherapie – und empfahl die Gesprächspsychotherapie sowie eine Reihe weiterer humanistischer Ansätze nicht für die vertiefte Ausbildung. Das Kriterium: symptombezogene Breitenwirksamkeit über möglichst viele Störungskategorien.


Das ist exakt das Messraster, das ich weiter oben beschrieben habe. Was es systematisch benachteiligt, sind Verfahren, die beziehungsorientiert und individualisiert arbeiten – nicht weil sie nicht wirken, sondern weil sich ihre Wirkung darin nicht gut abbildet. Die WBP-Entscheidungen werden in Fachkreisen auch als berufspolitisch beeinflusst kritisiert, nicht nur als rein wissenschaftlich.

Aktuell, im Frühjahr 2025, haben drei Fachverbände erneut einen Antrag beim WBP eingereicht. Die Debatte ist also nicht abgeschlossen.


Für NARM bedeutet das: Die fehlende Kassenanerkennung sagt wenig darüber aus, ob der Ansatz wirksam ist. Sie sagt vor allem, dass er in einem System gemessen wird, das für ihn nicht gebaut wurde.

Fehlende Forschung bleibt trotzdem ein Manko. Ich würde mir mehr unabhängige Auseinandersetzung mit NARM wünschen.


2. Kein geregelter Markt

NARM ist keine anerkannte Psychotherapiemethode im Sinne des deutschen Psychotherapeutengesetzes. Wer sich „NARM Practitioner" nennt, braucht keine Approbation. Die Ausbildung über das NARM Institut ist umfangreich – aber keine staatlich geprüfte Qualifikation.

Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen arbeiten unter dem NARM-Label. Das ist ein reales Problem. Und selbst ein Zertifikat schließt nicht aus, dass jemand die Methode nicht wirklich verkörpert, falsch anwendet oder aus anderen Gründen nicht geeignet ist, Menschen zu begleiten. Das lässt sich von außen nicht immer erkennen. Deswegen ist es wichtig, auf das eigene Gefühl zu achten – und kritisch zu prüfen, ob der Kontakt sich stimmig anfühlt. Ein erstes Gespräch ist dafür da.


Sinnvolle Fragen vor dem ersten Gespräch: Welche Ausbildung haben Sie? Wie lange arbeiten Sie schon mit der Methode? Haben Sie selbst therapeutische Begleitung oder Supervision? Das gilt nicht nur für NARM – das gilt für weite Teile des unregulierten Begleitungsmarkts.


3. Psychotherapie ist es nicht – und das hat Konsequenzen

NARM arbeitet mit Trauma. Das ist therapeutisches Terrain. Und gleichzeitig ist es rechtlich keine Psychotherapie und wird nicht von Krankenkassen erstattet.

Menschen mit schweren psychiatrischen Erkrankungen, akuter Suizidalität, schweren dissoziativen Störungen oder psychotischen Episoden brauchen zunächst approbierte Unterstützung. Das ist keine Frage der Philosophie, sondern der Sicherheit.


In meiner Arbeit ist das eine klare Grenze. Wer sich in einer akuten psychiatrischen Krise befindet, braucht zunächst einen anderen Rahmen – und ich empfehle in solchen Situationen konkret weiter. Lebenskrisen, Orientierungslosigkeit oder das Gefühl, nicht mehr weiterzuwissen, sind etwas anderes. Dafür ist NARM oft genau der richtige Raum.


4. Die Kosten

Eine Sitzung kostet bei erfahrenen Practitionern zwischen 80 und 180 Euro. Keine Kassenerstattung. Für viele Menschen ist das ein echter Ausschlussgrund. Das ist eine strukturelle Ungerechtigkeit.


Für wen NARM passen könnte

NARM passt für Menschen, die sich selbst neugierig begegnen möchten. Die spüren, dass sie mehr sind als ihre Schutzstrategien – und die bereit sind, das in einem echten Beziehungsraum zu erkunden.


Oft kommen Menschen zu mir, wenn sie ihr Leben intellektuell gut verstehen – und trotzdem in denselben Mustern stecken. Wenn Gesprächstherapie ihnen etwas gegeben hat, aber der Körper nicht mitzieht. Wenn sie sich chronisch abgeschnitten fühlen, erschöpft vom Funktionieren, ohne Zugang zu dem, was eigentlich gebraucht wird.


Häufige Fragen zu NARM

Ist NARM seriös?

Als Methode hat NARM eine fundierte theoretische Basis in Entwicklungspsychologie, Bindungsforschung und Neurowissenschaft. Gleichzeitig ist der Markt unreguliert – nicht alle, die sich Practitioner nennen, haben denselben Hintergrund. Die Seriosität hängt immer auch von der Person ab, mit der man arbeitet.


Ist NARM wissenschaftlich belegt?

Die Studienlage ist dünn – das stimmt. Randomisierte kontrollierte Studien gibt es kaum. Was es gibt, ist eine fundierte theoretische Basis in Entwicklungspsychologie, Bindungsforschung und Neurowissenschaft, sowie eine wachsende klinische Praxisbasis. Dazu kommt: Die Psychotherapieforschung selbst zeigt, dass der stärkste Wirkfaktor nicht die Methode ist, sondern die therapeutische Beziehung. Das macht fehlende RCTs nicht irrelevant – aber es relativiert ihre Aussagekraft. Einen ausführlicheren Überblick dazu gibt es weiter oben im Artikel.


Ist NARM Therapie oder Coaching?

Weder noch – zumindest nicht im deutschen Rechtssinn. NARM ist keine anerkannte Psychotherapiemethode und kein klassisches Coaching. Es ist eine traumasensible Begleitung, die mit Entwicklungstrauma, Beziehungsmustern und körperlichen Prozessen arbeitet. Das bedeutet: keine Kassenerstattung, aber auch kein Widerspruch zu laufender Therapie. Viele Menschen arbeiten beides parallel.


Was passiert in einer NARM-Sitzung?

Jede Sitzung beginnt damit, was du mitbringst – kein Programm, kein festes Protokoll. Wir schauen gemeinsam, was gerade da ist: ein Gefühl, ein Muster, eine Situation. Von dort aus arbeiten wir sowohl mit dem, was du denkst und erzählst, als auch mit dem, was sich körperlich zeigt – Anspannung, Atem, Präsenz. Ziel ist nicht, etwas aufzulösen oder zu reparieren, sondern in Kontakt zu kommen mit dem, was unter den Schutzstrategien liegt. Eine Sitzung dauert 50 Minuten.


Was kostet NARM?

Zwischen 100 und 180 Euro pro Sitzung, je nach Practitioner. Keine Kassenerstattung. Bei mir kostet eine Sitzung 120 Euro – alle Details auf der Honorarseite.


Was ist der Unterschied zwischen NARM und Psychotherapie?

Psychotherapie im deutschen Rechtssinn ist an eine Approbation gebunden und kassenzulassungsfähig. NARM ist das nicht. Inhaltlich arbeiten beide mit ähnlichen Themen – Trauma, frühe Prägungen, Beziehungsmuster – aber in unterschiedlichen institutionellen Rahmen. NARM ist kein Ersatz für approbierte Behandlung, wo diese gebraucht wird.


Kann ich NARM online machen?

Ja. Ich arbeite online und vor Ort in Leipzig – damit auch Menschen aus Berlin, Hamburg oder wo auch immer du gerade bist Zugang zu meiner Begleitung haben. Was trägt, ist der Beziehungsraum – nicht der physische Ort. Mehr dazu: Online-Coaching nach NARM.


Für wen ist NARM nicht geeignet?

Bei akuter psychiatrischer Krise, aktiver Suizidalität, schweren dissoziativen Störungen oder psychotischen Episoden ist approbierte Versorgung der richtige erste Schritt.


Was ist der Unterschied zwischen NARM, EMDR und Somatic Experiencing?

Alle drei arbeiten jenseits reiner Gesprächstherapie. EMDR prozessiert spezifische Erinnerungen, oft über Augenbewegungen. Somatic Experiencing legt den Schwerpunkt auf körperliche Traumaentladung. NARM arbeitet primär mit frühen Entwicklungsmustern und verbindet Körperarbeit mit Beziehungserfahrung und Identitätsentwicklung. Welcher Ansatz passt, ist individuell – und manchmal findet man das erst im Ausprobieren heraus.


Fazit

Die Kritik an NARM ist teilweise berechtigt. Fehlende RCTs sind ein echtes Manko. Der ungeregelte Markt ist ein echtes Problem. Die Kosten schließen viele aus.

Was ich gleichzeitig erlebe: Menschen, die mit Entwicklungstrauma über Jahre in anderen Settings unterwegs waren, kommen in NARM auf eine andere Art an. Nicht weil die Methode besser ist. Sondern weil der Rahmen ein anderer ist.

Warum das so ist, lässt sich nicht vollständig in Studien abbilden.

Ob das für dich relevant ist, kannst nur du entscheiden. Wenn du das herausfinden möchtest, schau dir mein Angebot an oder buch ein Orientierungsgespräch.



Rasmus Chodura ist NARM Master Practitioner mit Masterstudium in Motologie (Schwerpunkt Körperpsychotherapie) und arbeitet im 1:1 Setting online und in Leipzig.

 
 
 

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