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Emotionales Essen – kein Problem der Willenskraft

  • vor 6 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

Emotionales Essen wird meist als Kontrollproblem behandelt. Und so ist der gängige Ansatz: mehr Kontrolle. Es geht dann oft darum, die Trigger zu erkennen, bewusster zu entscheiden, die Achtsamkeit zu trainieren. Kurz um, die Betroffenen müssen sich mehr anstrengen ihr „schlechtes" Verhalten in den Griff zu bekommen.


Aber ist das wirklich der richtige Ansatz?


Was ist emotionales Essen?

Emotionales Essen bezeichnet das Muster, in dem Essen nicht als Antwort auf körperlichen Hunger eingesetzt wird, sondern zur Regulation von emotionalen Zuständen – Stress, Leere, Unruhe, Trauer. Es ist weit verbreitet und hat, wie aktuelle Forschung zeigt, häufig tiefere Wurzeln als mangelnde Disziplin.


Was die ACE-Studie zeigt

Vincent Felitti leitete in den 1980er Jahren ein Adipositasprogramm bei Kaiser Permanente in San Diego – und beobachtete etwas, das er sich zunächst nicht erklären konnte: Viele Teilnehmende, die erfolgreich Gewicht verloren, brachen das Programm plötzlich ab, oft genau dann, wenn es gut lief.


Eine Patientin hatte über Monate hinweg erfolgreich abgenommen. Dann machte ihr ein älterer Arbeitskollege sexuelle Avancen – und sie begann zu bingen. In drei Wochen nahm sie fast zwanzig Kilogramm zu. Im Gespräch mit Felitti kam heraus, was dahinterlag: Ihr Großvater hatte sie jahrelang sexuell missbraucht, beginnend mit zehn Jahren. Das nächtliche Essen hatte genau damals angefangen – zeitgleich mit dem Beginn des Missbrauchs.


Eine andere Patientin hatte im Laufe ihres Lebens etwa fünfzig Kilogramm ungefähr sechsmal verloren. Jedes Mal, wenn ein Mann ihr ein Kompliment zu ihrer Figur machte, wurde sie von Panik erfasst und begann wieder zu essen. In Felittis Interviews zeigte sich dieses Muster immer wieder: Gewicht als Schutz vor männlicher sexueller Aufmerksamkeit – eine körperlich verankerte Strategie, die genau das leistete, wofür sie entwickelt wurde.


Warum Gewicht schützen kann

Das Übergewicht war nicht das Problem. Es war die Antwort auf ein viel tieferliegendes "Problem". Und hinter dem, was als individuelles Essverhalten erscheint, wird eine strukturelle Realität sichtbar: sexualisierte Gewalt von Männern gegen Frauen*, deren Folgen sie dann alleine tragen – im Körper, im Verhalten, im Alltag. Wer sich ausschließlich auf das Verhalten konzentriert, individualisiert ein Problem, das strukturell ist. Und übersieht dabei die Intelligenz der Antwort.

(Mit Frauen sind hier alle Menschen gemeint, die sich als Frauen oder als FLINTA verstehen: Frauen, Lesben, Intersexuelle, Nichtbinäre, Trans- und Agender-Personen.) Diese beiden Fälle zeigen die Dynamik dort, wo sie am deutlichsten sichtbar wird. Emotionales Essen muss aber weder mit sexualisierter Gewalt noch mit einem dramatischen Hintergrund zusammenhängen. Häufiger sind es subtilere Erfahrungen – eine Umgebung, die emotional nicht erreichbar war, Bedürfnisse, für die kein Raum da war, Einstimmung, die fehlte. Nicht als einzelnes Ereignis, sondern als Grundton. Die ACE-Studie arbeitet mit messbaren Extremen, weil sie sich dort statistisch abbilden lassen. Die dahinterliegende Logik gilt breiter.


Emotionales Essen als Überlebensstrategie

1998 veröffentlichten Felitti und Robert Anda die Ergebnisse. Über 17.000 Erwachsene wurden nach belastenden Kindheitserfahrungen befragt, darunter emotionaler, körperlicher oder sexueller Missbrauch, Vernachlässigung, häusliche Gewalt oder psychische Erkrankung in der Familie, und nach dem, was sich daraus im späteren Leben ergeben hatte. Zwei Drittel berichteten von mindestens einer solchen Erfahrung; je mehr davon, desto wahrscheinlicher waren bestimmte Muster im Erwachsenenalter, darunter Adipositas, Essstörungen oder Substanzkonsum – womit das, was gemeinhin als Einzelfall gilt, in den Daten zur Regel wird.


Die ACE-Studie urteilt nicht über diese Muster, vielmehr beschreibt sie, was entsteht, wenn ein Mensch früh lernt, sich selbst zu halten, weil Emotionen keinen Platz hatten, weil Verbindung fehlte, weil das Dasein anderer nicht wirklich ankam.


Essen funktioniert unter solchen Bedingungen als Regulation: verlässlich, zugänglich, schnell, dämpft Erregung, schafft kurzfristig etwas, das sich wie Boden anfühlt. Für ein Kind, dessen frühe Umgebung emotional nicht erreichbar war, kann das eine der wenigen verlässlichen Formen von Selbstkontakt werden: Wenn niemand da ist, der mich hält, dann halte ich mich selbst, mit dem, was mir zur Verfügung steht.


Warum mehr Kontrolle nicht hilft

Menschen, die zu mir kommen, bringen das seltener als klar benennbares Thema mit. Eher als ein Gefühl, das schon da ist bevor sie wissen, wie es heißt – und für welches das Essen irgendwann angefangen hat die Antwort zu sein.


Wer emotionales Essen angehen will, setzt oft am Verhalten selbst an und verpasst damit die eigentliche Botschaft darin. Zudem wird damit vermittelt: Mit dir stimmt etwas nicht. Du musst dich ändern. Also eine Verstärkung der meist ohnehin schon starken Selbstbeschämung der Betroffenen – und das Gegenteil von echtem Kontakt.


Eine Frau beißt in eine Tafel Schokolade. Sinnbild für Essen als Regulations- und Schutzstrategie.

Was NARM anders macht

NARM – das NeuroAffective Relational Model – setzt an einem anderen Punkt an: nicht bei dem, was falsch läuft, sondern bei dem, was das Muster einmal geleistet hat. Emotionales Essen ist in dieser Perspektive kein Defizit, sondern Ausdruck davon, dass ein Bedürfnis nicht auf anderem Weg erreichbar war. Deswegen zielt die Begleitung auch nicht auf eine äußere Verhaltensänderung ab, sondern orientiert sich an der Frage, welches tieferliegende Bedürfnis hinter dem Verhalten liegt.


Das gibt Menschen neue Möglichkeiten, mit sich selbst in Kontakt zu sein: weniger Vorwurf, mehr Neugier. Weniger „Warum tue ich das schon wieder?" – mehr „Was brauche ich gerade eigentlich?"


Wenn du das aus deiner eigenen Geschichte erkennst und neugierig bist, was das für dich bedeuten könnte – ich begleite Menschen im 1:1 Setting nach den Prinzipien von NARM, online und in Leipzig. Hier kannst du ein kostenloses Orientierungsgespräch vereinbaren.


Vielleicht ist die interessantere Frage nicht: Wie höre ich damit auf? Sondern: Was brauche ich in diesen Momenten – und wovor hat mich dieses Verhalten geschützt?



Häufige Fragen

Warum esse ich emotional, obwohl ich es nicht will?

Weil emotionales Essen selten eine bewusste Entscheidung ist. Es ist eine erlernte Regulation – das Nervensystem hat gelernt, dass Essen verlässlich hilft, wenn innere Zustände schwer auszuhalten sind. Diese Muster laufen schneller ab als der Gedanke darüber. Mehr zum Hintergrund: Entwicklungstrauma heilen.


Wie kann man emotionales Essen überwinden?

Nicht durch mehr Kontrolle, sondern durch Verstehen, welche Funktion das Muster erfüllt. Was bräuchte es stattdessen – und ist das zugänglich? Das ist die Frage, um die es in einer ernsthaften Begleitung geht. Wie sich NARM von anderen Ansätzen unterscheidet.


Ist emotionales Essen dasselbe wie eine Essstörung?

Nicht unbedingt. Es kann Teil einer Essstörung sein – muss es aber nicht. Entscheidender ist oft die Frage, welche Funktion das Muster erfüllt.


Hilft Achtsamkeit bei emotionalem Essen?

Achtsamkeit kann helfen, den Moment bewusster wahrzunehmen. Was sie nicht verändert, ist der Zustand, auf den das Essen antwortet – was erklärt, warum Menschen, die achtsamkeitstechnisch versiert sind, das Muster trotzdem nicht loslassen können.


Was ist NARM?

NARM steht für NeuroAffective Relational Model – ein Ansatz, der mit den Folgen früher Bindungs- und Entwicklungserfahrungen arbeitet, auf der Ebene des Nervensystems und der Identität. Er fragt nicht: Was ist falsch mit dir? Sondern: Was hat dieses Muster gelernt – und was wäre jetzt möglich? Mehr zu NARM.


Was passiert in deiner Begleitung?

Ich arbeite im 1:1 Setting nach den Prinzipien von NARM, online und in Leipzig. Mehr dazu auf rasmus-chodura.de.



Zum Weiterlesen

  • Felitti VJ, Anda RF et al. (1998): Relationship of Childhood Abuse and Household Dysfunction to Many of the Leading Causes of Death in Adults. American Journal of Preventive Medicine, 14(4), 245–258.

  • Heller, L. & LaPierre, A. (2013): Entwicklungstrauma heilen. Kösel.

  • van der Kolk, B. (2015): Verkörperter Schrecken. G.P. Probst.

 
 
 

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