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Innere Unruhe verstehen: 7 unterschätzte Ursachen und wie du endlich zur Ruhe findest


Innere Unruhe beschreiben viele als ein diffuses Gefühl der Anspannung – als würde sich im Körper etwas zusammenziehen, ohne dass sich dafür ein konkreter Grund finden lässt. Es ist das Gefühl, nicht richtig ankommen zu können, auch wenn die äußeren Umstände eigentlich Entspannung ermöglichen würden.

Was oft übersehen wird: Innere Unruhe ist mehr als nur "Stress". Sie entsteht durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die weit über die bekannten Ursachen wie beruflichen Druck oder Beziehungskonflikte hinausgehen. Viele der tatsächlichen Auslöser bleiben im Verborgenen – und genau deshalb fühlt sich diese Form der Unruhe oft so schwer greifbar an.

Was innere Unruhe neurobiologisch bedeutet

Aus neurobiologischer Sicht handelt es sich bei innerer Unruhe um eine Dysregulation des autonomen Nervensystems. Das parasympathische System, das für Ruhe und Regeneration zuständig ist, steht nicht mehr in einem gesunden Gleichgewicht zum sympathischen System, das Aktivierung und Aufmerksamkeit steuert. Diese Dysbalance kann durch verschiedene Faktoren ausgelöst werden – viele davon werden systematisch unterschätzt.

Das Nervensystem reagiert dabei nicht nur auf akute Bedrohungen, sondern auch auf subtile, chronische Belastungen. Es "sammelt" diese Informationen und kann auch bei scheinbar harmlosen Auslösern mit Unruhe reagieren, wenn das System bereits vorbelastet ist.

Die 7 unterschätzten Ursachen innerer Unruhe

1. Medikamente und deren Nebenwirkungen

Bestimmte Medikamente können innere Unruhe als Nebenwirkung auslösen, ohne dass Betroffene den Zusammenhang erkennen. Besonders häufig betroffen sind:

Antidepressiva: Insbesondere SSRI können in den ersten Wochen der Einnahme oder bei Dosisänderungen Unruhe verstärken. Paradoxerweise können Medikamente, die langfristig stabilisieren sollen, initial das Gegenteil bewirken.

Erkältungs- und Grippemittel: Viele frei verkäufliche Präparate enthalten Pseudoephedrin oder ähnliche Substanzen, die das sympathische Nervensystem aktivieren.

Asthma-Medikamente: Beta-2-Agonisten wie Salbutamol können Herzrasen und innere Unruhe auslösen.

Entzugserscheinungen: Auch das Absetzen von Beruhigungs- oder Schlafmitteln kann wochenlang zu ausgeprägter innerer Unruhe führen, selbst wenn die ursprüngliche Dosis gering war.

Die Herausforderung liegt darin, dass diese Zusammenhänge oft zeitversetzt auftreten und nicht unmittelbar erkennbar sind.

2. Hormonelle Schwankungen als unterschätzte Faktoren

Hormone haben einen direkten Einfluss auf das Nervensystem und damit auf unser Empfinden von Ruhe oder Unruhe.

Wechseljahre: Der sinkende Östrogenspiegel beeinflusst die Neurotransmitter-Balance, insbesondere Serotonin und GABA. Dies kann zu einer erhöhten Grundanspannung führen, die sich als innere Unruhe manifestiert.

Schilddrüsenfunktion: Sowohl eine Über- als auch eine Unterfunktion können Unruhe auslösen. Bei einer Hyperthyreose ist der Zusammenhang meist offensichtlich, bei einer subklinischen Hypothyreose hingegen oft übersehen.

Blutzuckerschwankungen: Hypoglykämie aktiviert das sympathische Nervensystem als Stressreaktion. Auch bei Menschen ohne Diabetes können starke Blutzuckerschwankungen nach dem Essen zu anhaltender innerer Unruhe führen.

Nebennierenfunktion: Chronischer Stress kann die Cortisol-Rhythmik durcheinanderbringen, was zu einem Zustand führt, in dem der Körper nicht mehr richtig zwischen Aktivierungs- und Ruhephasen unterscheiden kann.

3. Vegetative Dysfunktion – wenn der Körper "durcheinander" ist

Vegetative Dysfunktion beschreibt eine Störung des autonomen Nervensystems ohne erkennbare organische Ursache. Betroffene leiden unter verschiedenen Symptomen wie Schlafstörungen, Erschöpfung, Brustschmerzen und eben innerer Unruhe.

Diese Symptomatik wird häufig als "rein psychisch" abgetan, obwohl sie eine reale körperliche Grundlage hat. Das autonome Nervensystem reagiert überempfindlich auf normale Alltagsreize. Bereits kleine Veränderungen in der Umgebung, im Tagesrhythmus oder in der Ernährung können eine Kaskade von Unruhe-Symptomen auslösen.

Besonders bei Menschen mit einer Geschichte von chronischem Stress oder frühen Belastungserfahrungen ist das autonome Nervensystem oft in einem Zustand erhöhter Wachsamkeit "festgefahren".

4. Koffein-Intoleranz und versteckte Stimulanzien

Während die meisten Menschen den Zusammenhang zwischen hohem Kaffeekonsum und Unruhe kennen, wird Koffein-Sensitivität oft übersehen. Manche Menschen reagieren bereits auf geringe Mengen Koffein mit stundenlanger innerer Unruhe.

Versteckte Koffeinquellen: Energy-Drinks, Grüntee, Schokolade, manche Schmerzmittel und sogar einige Nahrungsergänzungsmittel enthalten Koffein oder koffeinähnliche Substanzen.

Verzögerter Abbau: Bei manchen Menschen ist der Koffeinabbau genetisch bedingt verlangsamt. Das bedeutet, dass bereits der Kaffee vom Vormittag noch am Abend für Unruhe sorgen kann.

Akkumulationseffekt: Regelmäßiger Konsum auch kleinerer Mengen kann sich aufaddieren und zu einem chronischen Zustand innerer Anspannung führen.

5. Denkstrukturen und Grübelschleifen

Die Art, wie wir denken, hat direkten Einfluss auf unser Nervensystem. Bestimmte Denkmuster können innere Unruhe nicht nur verstärken, sondern auch auslösen.

Antizipatorisches Denken: Das ständige gedankliche Vorwegnehmen möglicher Probleme hält das Nervensystem in Alarmbereitschaft. Der Körper reagiert auf Gedankenszenarios, als wären sie real.

Ruminative Denkstrukturen: Wiederkäuende Gedanken über vergangene oder zukünftige Ereignisse aktivieren dieselben Stresskreisläufe wie reale Bedrohungen.

Perfektionismus: Der innere Druck, alles richtig machen zu müssen, erzeugt eine ständige Grundanspannung, die sich als chronische Unruhe manifestiert.

Meta-Sorgen: Sich Sorgen über die Sorgen zu machen, verstärkt die ursprüngliche Unruhe zusätzlich. Es entsteht ein Teufelskreis aus Angst vor der Angst.

Aus NARM-Perspektive sind diese Denkmuster oft Überlebensstrategien, die in früheren Lebensphasen durchaus sinnvoll waren, aber heute nicht mehr angemessen sind.

6. Subtile körperliche Faktoren

Niedriger Blutdruck (Hypotonie): Paradoxerweise kann niedriger Blutdruck zu innerer Unruhe führen. Der Körper versucht, den Blutdruck durch Aktivierung des sympathischen Nervensystems zu kompensieren.

Eisenmangel: Selbst ein beginnender Eisenmangel kann zu Unruhe, Konzentrationsschwierigkeiten und einem Gefühl innerer Anspannung führen, lange bevor eine Anämie diagnostiziert wird.

Vitamin-B-Mangel: Insbesondere B12 und Folsäure sind essentiell für die Nervenfunktion. Ein Mangel kann sich als diffuse Unruhe und Nervosität äußern.

Magnesiumdefizit: Magnesium ist an der Muskelentspannung und Nervenleitung beteiligt. Ein Mangel führt zu erhöhter neuromuskulärer Erregbarkeit.

Diese körperlichen Faktoren werden oft übersehen, weil sie zunächst subtil sind und nicht zu den "klassischen" Ursachen innerer Unruhe gezählt werden.

7. Frühe Anzeichen tieferliegender Dysregulationen

Innere Unruhe kann ein früher Indikator für beginnende psychische oder neurologische Veränderungen sein:

Burnout-Syndrome: Chronische Erschöpfung zeigt sich oft zunächst als paradoxe innere Unruhe – der Körper ist erschöpft, aber kann nicht zur Ruhe kommen.

Angststörungen: Generalisierte Angststörungen beginnen häufig mit unspezifischer innerer Unruhe, bevor konkrete Ängste sich entwickeln.

Aufmerksamkeits-Störungen: Bei Erwachsenen kann sich ADHS als chronische innere Unruhe manifestieren, ohne dass die Aufmerksamkeitsproblematik sofort erkannt wird.

Beginnende Depression: Agitierte Depressionen zeigen sich oft zunächst als innere Unruhe, bevor die typischen depressiven Symptome auftreten.

Die Nervensystem-Perspektive: Warum Ruhe schwer fällt

Aus der Perspektive der NARM-Therapie (NeuroAffektive Relationale Modell) ist innere Unruhe oft ein Zeichen dafür, dass das Nervensystem in Überlebensstrategien "gefangen" ist. Diese Strategien haben sich meist früh im Leben entwickelt und sollten vor Überforderung schützen.

Hypervigilanz: Ein Nervensystem, das gelernt hat, ständig nach Bedrohungen zu scannen, kann auch in sicheren Umgebungen nicht entspannen. Die innere Unruhe ist dann ein Ausdruck dieser chronischen Wachsamkeit.

Bindungsorganisation: Menschen mit unsicheren Bindungsmustern neigen dazu, ihr Nervensystem chronisch zu aktivieren, um Beziehungen zu kontrollieren oder aufrechtzuerhalten.

Fragmentierung: Wenn Teile des Selbst abgespalten oder unterdrückt werden, entsteht oft eine chronische innere Spannung, die sich als Unruhe zeigt.

Die gute Nachricht: Das Nervensystem ist plastisch und kann neue Muster erlernen. Doch dafür braucht es oft mehr als nur Entspannungstechniken – es braucht ein tieferes Verstehen der zugrundeliegenden Dynamiken.

Der Unterschied zwischen akuter und chronischer innerer Unruhe

Akute innere Unruhe tritt als Reaktion auf konkrete Stressoren auf und klingt ab, wenn der Stressor wegfällt. Sie ist eine normale und gesunde Reaktion des Nervensystems.

Chronische innere Unruhe hingegen besteht unabhängig von äußeren Umständen. Sie hat sich zu einem eigenständigen Muster entwickelt, das sich selbst aufrecht erhält. Hier liegt oft eine Kombination mehrerer der oben genannten Faktoren vor.

Bei chronischer innerer Unruhe reichen oberflächliche Entspannungsmaßnahmen meist nicht aus. Es braucht eine systematische Herangehensweise, die die verschiedenen Ebenen – körperlich, emotional, kognitiv und relational – berücksichtigt.

Wann professionelle Unterstützung sinnvoll ist

Professionelle Hilfe ist empfehlenswert, wenn:

  • Die innere Unruhe länger als zwei Wochen anhält

  • Sie den Alltag erheblich beeinträchtigt

  • Selbsthilfe-Strategien keine Linderung bringen

  • Zusätzliche Symptome wie Schlafstörungen, Panik oder depressive Verstimmungen auftreten

  • Der Verdacht auf körperliche Ursachen besteht

Eine gründliche Abklärung sollte sowohl medizinische als auch psychische Faktoren berücksichtigen. Manchmal ist eine Kombination aus medizinischer Behandlung und psychotherapeutischer Begleitung erforderlich.

Integration statt schneller Lösungen

Innere Unruhe zu verstehen bedeutet, die Komplexität dieses Phänomens zu würdigen. Es gibt selten eine einzelne Ursache oder eine schnelle Lösung. Meistens handelt es sich um ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die sich gegenseitig verstärken.

Der erste Schritt ist oft, das eigene Nervensystem besser kennenzulernen: Wann tritt die Unruhe auf? Unter welchen Umständen? Welche Muster lassen sich erkennen? Diese Selbstbeobachtung ohne sofortige Veränderungsabsicht kann bereits entlastend wirken.

Echter Wandel geschieht meist nicht durch Bekämpfen der Unruhe, sondern durch ein tieferes Verstehen der zugrundeliegenden Bedürfnisse und Muster. Das Nervensystem braucht Zeit und Geduld, um neue, gesündere Reaktionsweisen zu erlernen.

Wenn du merkst, dass deine innere Unruhe komplex ist und du dir eine professionelle Einordnung wünschst, die sowohl körperliche als auch emotionale Faktoren berücksichtigt, kann ein Gespräch hilfreich sein. Ich begleite Menschen dabei, ihre individuellen Muster zu verstehen und nachhaltige Veränderungen zu entwickeln – kontaktiere mich gerne für ein unverbindliches Erstgespräch.

 
 
 

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