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Traumasensitive Unterstützung in Leipzig: 5 Hinweise, dass Begleitung sinnvoll sein könnte (und worauf du bei der Suche achten kannst)


Traumasensitive Unterstützung ist ein Begriff, der in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen hat. Doch was verbirgt sich dahinter, und wann könnte eine solche Begleitung für dich relevant sein? Diese Fragen sind berechtigt, denn die Landschaft der psychosozialen Unterstützung ist vielfältig und manchmal unübersichtlich.

Trauma ist ein komplexes Phänomen, das weit über das hinausgeht, was oft in populären Darstellungen vermittelt wird. Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) handelt es sich um Erfahrungen, die die natürlichen Bewältigungskapazitäten einer Person übersteigen. Die Forschung der letzten Jahrzehnte, insbesondere die Arbeiten von Pionier*innen wie Judith Herman, Bessel van der Kolk und Peter Levine, haben unser Verständnis dafür vertieft, wie sich traumatische Erfahrungen auf das Nervensystem, die Beziehungsfähigkeit und das alltägliche Funktionieren auswirken können.

Was bedeutet "traumasensitiv"?

Traumasensitive Ansätze berücksichtigen die Möglichkeit, dass Menschen traumatische Erfahrungen gemacht haben könnten, ohne dies vorauszusetzen oder zu pathologisieren. Sie schaffen Rahmen, die Sicherheit und Wahlmöglichkeiten betonen – zwei zentrale Aspekte, die bei traumatischen Erfahrungen oft beeinträchtigt wurden. Diese Herangehensweise basiert auf dem Verständnis, dass Trauma nicht nur ein individuelles Problem ist, sondern auch systemische und gesellschaftliche Dimensionen hat.

Die Traumaforschung zeigt uns, dass traumatische Erfahrungen das autonome Nervensystem nachhaltig beeinflussen können. Stephen Porges' Polyvagal-Theorie erklärt, wie unser Nervensystem zwischen Zuständen der Sicherheit, Mobilisierung (Kampf-oder-Flucht) und Immobilisierung (Erstarrung) wechselt. Diese neurobiologischen Erkenntnisse helfen zu verstehen, warum bestimmte Reaktionen auftreten können, die auf den ersten Blick "irrational" erscheinen mögen.

5 Hinweise, dass traumasensitive Begleitung sinnvoll sein könnte

1. Anhaltende Dysregulation des Nervensystems

Wenn dein Nervensystem häufig zwischen extremen Zuständen pendelt – zwischen Hyperaktivierung (innere Unruhe, Ängste, Schlaflosigkeit) und Hypoaktivierung (emotionale Taubheit, Erschöpfung, Dissoziation) – könnte dies ein Hinweis auf unverarbeitete traumatische Erfahrungen sein. Diese Dysregulation zeigt sich oft in körperlichen Symptomen: chronische Verspannungen, Verdauungsprobleme, Autoimmunerkrankungen oder wiederkehrende Infekte.

Die Forschung von Bruce McEwen zur "allostatischen Last" zeigt, wie chronischer Stress das physiologische Gleichgewicht beeinträchtigen kann. Van der Kolk beschreibt in seinem Standardwerk "Verkörperter Schrecken", wie Trauma "im Körper stecken bleibt" und sich über Jahre hinweg in verschiedenen Symptomen manifestieren kann.

2. Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen

Wenn du wiederkehrende Muster in Beziehungen erlebst – sei es die Tendenz zu Co-Abhängigkeit, Schwierigkeiten beim Setzen von Grenzen, intensive Verlustängste oder das Gefühl, nie "authentisch" sein zu können – könnte dies mit frühen Bindungserfahrungen zusammenhängen. Die Bindungsforschung von John Bowlby und Mary Ainsworth hat gezeigt, wie frühe Beziehungserfahrungen unsere inneren Arbeitsmodelle von Beziehungen prägen.

Entwicklungstrauma, ein Begriff der von Laurence Heller im NARM-Ansatz (NeuroAffective Relational Model) geprägt wurde, beschreibt, wie sich gestörte frühe Bindungserfahrungen auf die Identitätsentwicklung und die Fähigkeit zu authentischen Beziehungen auswirken können. Dabei geht es oft nicht um spektakuläre Einzelereignisse, sondern um subtile, aber chronische Mangelerfahrungen in der frühen Entwicklung.

3. Fragmentierte oder fehlende Erinnerungen

Wenn größere Zeiträume deines Lebens wie "weggelöscht" erscheinen oder wenn du das Gefühl hast, dass wichtige Lebensereignisse emotional nicht zugänglich sind, kann dies ein Zeichen für dissoziative Mechanismen sein. Dissoziation ist ein natürlicher Schutzmechanismus der Psyche, der in überwältigenden Situationen aktiviert wird.

Die Forschung von Onno van der Hart und anderen zur strukturellen Dissoziation erklärt, wie das Bewusstsein in verschiedene "Teile" aufgespalten werden kann, um das Überleben zu sichern. Dies ist kein Zeichen von "Schwäche", sondern ein intelligenter Anpassungsmechanismus des Gehirns an unmögliche Situationen.

4. Überaktive Scham- und Selbstkritik-Spiralen

Wenn du dich häufig in intensiven Scham- oder Selbstkritik-Zyklen wiederfindest, die rational schwer nachvollziehbar sind, könnte dies auf internalisierte traumatische Botschaften hinweisen. Brené Brown's Forschung zu Scham zeigt, wie diese sich von gesunder Schuld unterscheidet: Während Schuld sagt "Ich habe etwas Falsches getan", sagt Scham "Ich bin falsch".

Chronische Scham kann entstehen, wenn Kinder in Umgebungen aufwachsen, in denen ihre grundlegenden Bedürfnisse nicht gesehen oder sogar abgewertet wurden. Dies kann zu tiefen Überzeugungen führen wie "Ich bin zu viel", "Ich bin nicht genug" oder "Ich bin grundsätzlich falsch".

5. Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation und Selbstfürsorge

Wenn du Schwierigkeiten hast, deine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen oder zu kommunizieren, wenn Selbstfürsorge sich "egoistisch" anfühlt oder wenn du zwischen emotionaler Überwältigung und Leere pendelst, könnte dies auf unterbrochene Entwicklungsprozesse hinweisen.

Die Fähigkeit zur Emotionsregulation entwickelt sich in den ersten Lebensjahren durch co-regulierende Beziehungen. Wenn diese Entwicklung gestört wurde, kann es im Erwachsenenalter schwierig sein, ein stabiles inneres Gleichgewicht zu finden.

Worauf du bei der Suche nach Unterstützung achten kannst

Qualifikation und Ausbildung

Traumasensitive Arbeit erfordert spezifische Kenntnisse und Fertigkeiten. Achte darauf, dass Therapeutinnen oder Beraterinnen entsprechende Zusatzausbildungen haben. Anerkannte Institute wie die Deutsche Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT), das Trauma-Institut Süddeutschland oder internationale Organisationen wie NARM bieten fundierte Weiterbildungen an.

Wichtig ist jedoch zu verstehen: Trauma ist ein komplexes Feld, und es gibt verschiedene Ansätze mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Was für eine Person hilfreich ist, muss nicht für alle anderen passen.

Unterschiedliche Unterstützungsformate

In Leipzig findest du verschiedene Formen der Unterstützung:

Psychotherapie: Kassenzugelassene Psychotherapeut*innen mit traumatherapeutischer Zusatzausbildung bieten oft EMDR, Traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie oder andere evidenzbasierte Verfahren an. Die Wartezeiten können allerdings lang sein.

Traumaberatung: Nicht-therapeutische Beratung kann besonders hilfreich sein, um Wartezeiten zu überbrücken oder als Ergänzung zur Therapie. Sie konzentriert sich oft auf Psychoedukation, Stabilisierung und Ressourcenarbeit.

Körperorientierte Ansätze: Trauma zeigt sich oft körperlich. Ansätze wie Somatic Experiencing, Craniosacrale Therapie oder traumainformierte Körperarbeit können wichtige Ergänzungen sein.

Gruppenangebote: Selbsthilfegruppen oder therapeutische Gruppen können das Gefühl der Isolation reduzieren und heilsame Beziehungserfahrungen ermöglichen.

Das Traumanetz Leipzig

Seit 2023 gibt es in Leipzig das Traumanetz – ein stadtweites Netzwerk verschiedener Fachkräfte und Einrichtungen. Dieses kann bei der Orientierung und Suche nach passenden Angeboten hilfreich sein. Es verdeutlicht auch, dass Traumaarbeit nicht nur eine individuelle, sondern auch eine gesellschaftliche Aufgabe ist.

Grenzen und Realitäten

Es ist wichtig zu verstehen, dass traumasensitive Begleitung kein "Quick Fix" ist. Heilung von Trauma ist oft ein längerer Prozess, der Geduld und Selbstmitgefühl erfordert. Zudem ist nicht jede schwierige Erfahrung automatisch traumatisch, und nicht jedes Problem erfordert eine trauma-spezifische Herangehensweise.

Die Suche nach der "richtigen" Unterstützung kann frustrierend sein. Wartezeiten, Kosten, die Suche nach einer passenden therapeutischen Beziehung – all das sind reale Herausforderungen im deutschen Gesundheitssystem.

Ein differenzierter Blick

Traumasensitive Ansätze sind wertvoll, aber sie sind nicht die einzige Form hilfreicher Unterstützung. Manchmal können auch andere Formen der Begleitung – sei es klassische Gesprächstherapie, systemische Ansätze oder auch körperliche Aktivitäten und kreative Ausdrucksformen – heilsam sein.

Die Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Form der Unterstützung ist sehr individuell. Sie hängt von deinen spezifischen Erfahrungen, Bedürfnissen, Ressourcen und auch von äußeren Faktoren wie Verfügbarkeit und Finanzierung ab.

Wenn du dich in den beschriebenen Hinweisen wiedererkennst, könnte es sich lohnen, verschiedene Optionen zu erkunden. Dies ist keine Diagnose und ersetzt keine professionelle Einschätzung – es ist eine Einladung, achtsam mit dir selbst zu sein und zu schauen, was für dich stimmig ist.

Das Wichtigste dabei: Du bist nicht "kaputt" oder "falsch", wenn du Schwierigkeiten erlebst. Oft sind dies nachvollziehbare Reaktionen auf schwierige Erfahrungen. Mit der richtigen Unterstützung ist Veränderung und Heilung möglich – auch wenn der Weg manchmal länger ist, als wir uns wünschen würden.

Falls du dich in diesen Beschreibungen wiedererkennst und mehr über traumasensitive Begleitung erfahren möchtest, findest du weitere Informationen über meinen Ansatz hier. Manchmal kann ein erstes Gespräch helfen, Klarheit darüber zu gewinnen, welche Form der Unterstützung für dich passend sein könnte.

 
 
 

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