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Trauma verarbeiten: Was dabei in uns geschieht und was hilft

  • 29. Juni
  • 6 Min. Lesezeit

In Sitzungen begegnet mir oft ein Satz wie: „Ich habe doch längst verstanden, was damals war, warum sitzt es trotzdem so tief?" Verstehen und Verarbeiten sind nicht dasselbe, und der Abstand zwischen beiden ist häufig genau die Stelle, an der jemand hängen bleibt. Was also heißt es, ein Trauma zu verarbeiten, wenn das Verstehen allein oft nicht die erwünschte Veränderung herbeiführt?


Was heißt es, ein Trauma zu verarbeiten?

Ein Trauma zu verarbeiten heißt weniger, ein vergangenes Ereignis abzuschließen, als die innere Anpassung zu verändern, mit der man darauf reagiert hat. Trauma ist, mit Gabor Maté gesprochen, nicht in erster Linie das, was uns geschehen ist, sondern das, was als Folge davon in uns geschieht und weiterwirkt. Was im Erwachsenenleben spürbar bleibt, ist dann oft nicht das Ereignis selbst, sondern eine Schutzreaktion, die einmal sinnvoll war und sich bis heute fortsetzt. Verarbeitung geschieht darum vor allem in der Gegenwart: dort, wo sich diese alte Reaktion jetzt zeigt, im Körper und im Kontakt.


Aus NARM-Perspektive heißt diese (fortgesetzte) Reaktion eine Überlebensstrategie: eine frühe Lösung, die einmal Verbindung und Sicherheit gewahrt hat und später zur Gewohnheit wird, mit der man sich selbst begegnet. Wer als Kind gelernt hat, eigene Bedürfnisse zurückzustellen, um in Beziehung zu bleiben, tut das oft weiter, lange nachdem die ursprüngliche Lage vorbei ist.


Verarbeitung beginnt dort, wo spürbar wird, dass diese Anpassung einmal eine Schutzleistung war und heute nicht mehr das gesamte Erleben prägen muss, bzw. wenn wieder innere Wahlfreiheit entsteht, ob ich dieser Strategie folgen mächte oder nicht. Wie sich solche Muster körperlich verankern, kannst du im Beitrag zum Körpergedächtnis nachlesen.


Wie sich erfolgreiche Verarbeitung zeigt

Im NARM-Modell, das Laurence Heller entwickelt hat, ist der Maßstab, dass wieder Kontakt möglich wird. Denn die frühe Anpassung hatte oft einen Preis: Um die Verbindung nach außen zu sichern, ging die Verbindung zu sich selbst ein Stück verloren, zu eigenen Bedürfnissen und Empfindungen. Verarbeitung zeigt sich dann weniger daran, dass eine Erinnerung verblasst, als daran, dass dieser Kontakt zurückkehrt: zu sich selbst, zu anderen, zum Leben. Wo das geschieht, verlieren alte Schutzmuster nach und nach ihre Notwendigkeit, ohne dass man gegen sie ankämpfen müsste.


Schocktrauma und Entwicklungstrauma: warum es nicht den einen Weg gibt

Unter dem Begriff „Trauma" wird sehr Unterschiedliches gefasst, und die Unterscheidung verändert den Weg.


Ein Schocktrauma geht auf ein einzelnes, überwältigendes Ereignis zurück, etwa einen Unfall oder einen Übergriff, das einen ansonsten tragfähigen Organismus trifft. Der Körper mobilisiert eine Schutzreaktion, die nicht zum Abschluss kommt. Die Perspektive des Somatic Experiencing nach Peter Levine setzt hier an: Die unterbrochene körperliche Schutzreaktion kann sich nachträglich vollziehen (Kampf, Flucht) und die gebundene Aktivierung sich lösen, wenn genug Sicherheit da ist (Levine, 2010). Bei dieser Form trägt das Bild vom Verarbeiten als Abschluss am weitesten.


Ein Entwicklungstrauma wirkt anders, weil es in die Kindheit fällt, in die Zeit, in der ein Mensch sich überhaupt erst bildet und entwickelt, und in ein Verhältnis großer Abhängigkeit. Es kann durchaus klar benennbare Ereignisse umfassen, und es kann ebenso in dem liegen, was ausgeblieben ist, etwa verlässliche Zuwendung. Entscheidend ist nicht, ob sich ein Ereignis benennen lässt, sondern dass ein Kind dem, was geschieht, kaum entkommen kann: Es kann die Menschen, auf die es angewiesen ist, weder verlassen noch bekämpfen, und bleibt zugleich darauf angewiesen, die Bindung zu ihnen zu erhalten. Um in dieser Lage zu bestehen, passt es sich an, oft auf Kosten von Anteilen seiner selbst. Für diese frühe, beziehungsgebundene Prägung ist NARM entwickelt: ein Weg, der nicht ein Ereignis bearbeitet, sondern die Anpassung, die sich bis heute zeigt. Mehr dazu im Beitrag zu Entwicklungstrauma.


Viele Menschen tragen beides, in Schichten. Deshalb gibt es nicht den einen Weg, ein Trauma zu verarbeiten, sondern die Frage, worum es im konkreten Fall geht und was diesem entspricht. Was einem Schocktrauma gerecht wird, greift bei einer frühen, beziehungsgebundenen Prägung womöglich zu kurz.


Wenn du diesen Weg nicht allein gehen möchtest, lade ich dich zu einem kostenfreien Orientierungsgespräch ein, in Leipzig oder online.

Person in Schwarz sitzt am Bach im Wald und hält den Kopf in den Händen; düstere, traurige Stimmung. Symbol für eine traumatisierte Person.

Verdrängtes Trauma verarbeiten: wenn der Verstand vergisst

Manche Erfahrungen sind dem bewussten Erinnern kaum zugänglich, vor allem wenn sie sehr früh geschahen oder so überwältigend waren, dass sie nie zu einer zusammenhängenden Geschichte wurden. „Verdrängt" kann in diesem Kontext bedeuten, dass wir aus Schutz bewusst bestimmte Erfahrungen vergessen haben oder dass wir von Anfang an gar nicht die Möglichkeit hatten, für das Erlebte Worte zu finden, aber die Auswirkungen davon trotzdem weiterwirken: in körperlichen Reaktionen und in einem Gefühl, dass etwas nicht stimmt, ohne dass sich benennen ließe, was. Was der Verstand nicht in eine Erzählung fassen konnte, wirkt über den Körper und über unbewusste Reaktionen weiter.


Ein verdrängtes Trauma zu verarbeiten beginnt darum selten damit, die Erinnerung erzwingen zu wollen. Der gezielte Griff nach dem Vergessenen überfordert das Nervensystem eher, und es geht ohnehin nicht darum, die Vergangenheit um jeden Preis zu rekonstruieren. Tragfähiger ist es, sich dem zuzuwenden, was sich heute im Körper zeigt, z.B. als Anspannung oder als Druck. Dabei ist das ausschlag gebende Kriterium Sicherheit. Um so sicherer wir uns wieder fühlen, desto mehr werden wir auch wieder Zugang zu uns bekommen. Und Sicherheit entsteht in meiner Erfahrung nicht über Leistungsdruck, sondern über die Erfahrung, dass alles da sein darf, was sich zeigt.


Trauma im Körper lösen: warum der Zugang über das Spüren führt

Weil sich Trauma nicht nur im Denken zeigt, sondern im Körper, schließt der Weg, es zu verarbeiten, auch den Körper mit ein. „Trauma im Körper lösen" meint dabei keine Technik, mit der sich Anspannung auf Knopfdruck auflöst, und je nach Form sieht dieser Weg anders aus.


Bei einem Schocktrauma kann sich, wie beschrieben, eine unterbrochene Schutzreaktion nachträglich vollziehen. Die körperorientierte Arbeit geht dabei in kleinen Schritten vor, nach einem Prinzip, das in der Körperpsychotherapie Titration genannt wird: Man nähert sich der Aktivierung dosiert an, sodass sie sich integrieren kann, statt erneut zu überfluten. Bei früh entstandenen Mustern geht es weniger um das Entladen einer Aktivierung als darum, im Körper eine neue Erfahrung möglich zu machen, etwa dass Kontakt sicher sein darf und Anspannung sich in Gegenwart eines ruhigen Gegenübers lösen kann.


Kann man ein Trauma allein verarbeiten?

Vieles ordnet sich mit der Zeit, wenn ein Mensch zur Ruhe kommt und sich in seinen Beziehungen sicher fühlen darf. Belastendes allein zu verarbeiten gelingt oft dann, wenn genug innere und äußere Ressourcen da sind. Es braucht also nicht für jede schwierige Erfahrung Begleitung.

Schwieriger wird es, wo eine Erfahrung das Nervensystem dauerhaft in Alarm gehalten hat, denn dann ist oft genau die Fähigkeit beeinträchtigt, sich selbst zu beruhigen. Was hier trägt, ist Co-Regulation: ein anderes, ruhiges Nervensystem, an dem sich das eigene wieder orientieren kann (Porges, 2011). Das ist im Kern der Grund, warum traumasensible Begleitung beziehungsorientiert arbeitet. Veränderung wird in Verbindung möglich.


Manche Erfahrungen begleiten uns lange, ohne dass das Verstehen sie verschiebt. Wenn du dem in einem sicheren Rahmen nachgehen willst, begleite ich dich im Einzelsetting, körperorientiert und nach dem NARM-Modell. Im kostenfreien Orientierungsgespräch schauen wir in Ruhe, ob eine Zusammenarbeit für dich stimmig wäre, in Leipzig oder online.


Häufige Fragen


Wie kann man ein Trauma verarbeiten? Verarbeitung wird möglich, wenn genug Sicherheit entsteht, damit eine alte Schutzreaktion sich zeigen und verändern kann, statt im Hintergrund weiterzulaufen. Weil solche Reaktionen vor allem im Körper und im Kontakt verankert sind, führt der Weg weniger über das Erzählen als über das Spüren, in kleinen, dosierten Schritten. Förderlich sind Ruhe und sichere Beziehungen, und wo die Selbstregulation an ihre Grenze kommt, die Begleitung durch ein ruhiges Gegenüber.


Was ist der Unterschied zwischen Schock- und Entwicklungstrauma? Ein Schocktrauma geht auf ein einzelnes, überwältigendes Ereignis zurück und trifft einen ansonsten tragfähigen Menschen. Ein Entwicklungstrauma entsteht früh, in der Kindheit und im Abhängigkeitsverhältnis zu den Bezugspersonen, und kann benennbare Ereignisse ebenso umfassen wie ein dauerhaftes Fehlen verlässlicher Zuwendung. Weil das eine ein abgrenzbares Geschehen meint und das andere eine prägende Beziehungserfahrung, brauchen beide unter Umständen unterschiedliche Wege.


Kann man ein Trauma ohne Therapie verarbeiten? Leichtere Belastungen verarbeiten viele Menschen ohne formelle Unterstützung, wenn genug Ruhe und sichere Beziehungen da sind. Wo eine Erfahrung das Nervensystem dauerhaft in Alarm gehalten hat, stößt die Selbstregulation oft an eine Grenze, weil die Fähigkeit zur Beruhigung selbst beeinträchtigt ist. Dann kann Co-Regulation tragen: die Begleitung durch ein ruhiges Gegenüber, an dem sich das eigene Nervensystem neu orientiert.


Wie lange dauert es, ein Trauma zu verarbeiten? Eine pauschale Dauer lässt sich nicht seriös angeben. Sie hängt davon ab, wie früh und wie anhaltend eine Erfahrung gewirkt hat und wie viel Sicherheit heute zur Verfügung steht. Verlässlicher als ein Enddatum ist das Tempo: Geht es langsam genug, dass das Nervensystem mitkommt, kann sich nach und nach etwas einordnen.


Woran erkenne ich ein unverarbeitetes Trauma? Hinweise können körperliche Reaktionen sein, die stärker ausfallen als ihr Anlass, oder ein Gefühl innerer Unruhe ohne erkennbaren Grund. Auch der Eindruck, eine Erfahrung verstanden zu haben und trotzdem gleich zu reagieren, kann darauf deuten, dass etwas noch nicht abgeschlossen ist. Weil solche Anzeichen viele Ursachen haben, ist eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung sinnvoll, um sie einzuordnen.


Wie verarbeitet man ein verdrängtes Trauma? Nicht über das Erzwingen von Erinnerung. Der Weg führt über das, was sich heute im Körper und im Kontakt zeigt. Wenn genug Sicherheit da ist, kann sich nach und nach zeigen, was vorher unzugänglich war, ohne dass das Nervensystem überflutet wird.


Dieser Artikel dient der Information. Mein Angebot ist eine psychologische Begleitung, es stellt keine Psychotherapie dar und ersetzt keine psychotherapeutische Behandlung. Bei akuter seelischer Belastung wende dich bitte an ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe.


Quellen

  • Heller, L. & LaPierre, A. (2012). Healing Developmental Trauma. North Atlantic Books. [Dt.: Entwicklungstrauma heilen. Kösel, 2013.]

  • Levine, P. A. (2010). In an Unspoken Voice. North Atlantic Books.

  • Maté, G. (2022). The Myth of Normal. Avery. [Dt.: Vom Mythos des Normalen. Kösel, 2022.]

  • Porges, S. W. (2011). The Polyvagal Theory. Norton.

 
 
 

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