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Übungen zum inneren Kind: Wenn aus einem Bild wieder Bewegung wird

vor 4 Stunden
8 Min. Lesezeit

Manche Menschen kennen das: Eine Nachricht bleibt unbeantwortet oder ein Satz am Telefon klingt eine Spur kühler als sonst, und plötzlich fühlt sich etwas in ihnen viel jünger an, als sie sind. Für solche Momente hat sich ein Bild verbreitet, das vielen hilft: Dann ist eben das innere Kind aktiv. Wer nach Übungen für das innere Kind sucht, möchte meist lernen, mit genau diesen Momenten anders umzugehen.

Was aber geschieht eigentlich, wenn wir „mein inneres Kind“ sagen? Und kann das Bild, das so vieles greifbar macht, uns an manchen Stellen auch im Weg stehen?

Übungen für das innere Kind laden meist dazu ein, sich einem jüngeren Teil der eigenen Person zuzuwenden, ihn zu trösten oder nachträglich zu versorgen. Aus der Perspektive des NeuroAffective Relational Model (NARM), eines Ansatzes für die Arbeit mit Entwicklungstrauma, setzen sie an einer anderen Stelle an. Was Menschen inneres Kind nennen, lässt sich dort als ein Zustand beschreiben, in dem das Erleben eines erwachsenen Menschen mit frühen Anpassungen verschmilzt. NARM-inspirierte Übungen erforschen deshalb, was in solchen Momenten in der Gegenwart geschieht, worauf man reagiert und wie man sich dabei selbst begegnet. Es geht darum, nach und nach mehr Wahlfreiheit zu gewinnen.

Vielleicht möchtest du lieber gleich ausprobieren, wie solche Übungen für dich sind. Dann kannst du dir das kostenlose Arbeitsheft „Inneres Kind – NARM-inspirierte Übungen“ als PDF herunterladen. Es enthält acht Übungen zum Ausdrucken. Was in diesem Artikel folgt, ist das Fundament dazu: woher das Bild vom inneren Kind kommt und warum die Übungen so aufgebaut sind, wie sie es sind.

Woher das Bild vom inneren Kind kommt

Das innere Kind ist kein Fachbegriff mit fester Definition. Bekannt wurde die Idee über die Transaktionsanalyse des Psychiaters Eric Berne, die Mitte des 20. Jahrhunderts zwischen einem Eltern-Ich, einem Erwachsenen-Ich und einem Kind-Ich unterschied. In den USA machten Bücher wie Charles Whitfields Healing the Child Within (1987) und John Bradshaws Homecoming (1990) das innere Kind populär, im deutschsprachigen Raum vor allem Stefanie Stahls Bestseller Das Kind in dir muss Heimat finden (2015).

Interessant ist, wie die Schematherapie mit dem Bild umgeht. Sie spricht von einem Kindmodus und meint damit einen Zustand heftiger Gefühle, der kommt und wieder geht, keine dauerhafte Eigenschaft eines Menschen. Der Psychotherapieforscher Wolfgang Lutz von der Universität Trier ordnet das innere Kind in einem Beitrag auf Spektrum.de deshalb als Metapher ein. Es sei kein Therapiekonzept im klassischen Sinn und lasse sich auch nicht wie eine Methode auf Wirksamkeit prüfen.

Was das Bild leisten kann

Ein Bild für ein schwer greifbares Erleben kann entlasten. Wer sagt „da ist mein inneres Kind aktiv“, gewinnt einen kleinen Abstand zu dem, was gerade überwältigend wirkt. Dazu passt ein bekannter Befund aus der Hirnforschung: Der Psychologe Matthew Lieberman und sein Team ließen Versuchspersonen die Gefühle auf emotionalen Bildern benennen. Dabei sank die Aktivität in der Amygdala, einer Hirnregion, die unter anderem an der Verarbeitung von Bedrohung beteiligt ist. Die Studie untersucht das Benennen von Gefühlen, nicht das innere Kind, sie macht aber plausibel, warum Worte für ein Erleben beruhigen können.

Das Bild kann außerdem Mitgefühl erleichtern. Vielen Menschen fällt es leichter, freundlich mit einem Kind umzugehen als mit sich selbst. Auch NARM nutzt diesen Umstand: Heller und Niederwieser beschreiben, wie es Menschen hilft, sich vorzustellen, ein Kind aus ihrem Umfeld würde so behandelt, wie sie selbst behandelt wurden. Oft taucht dann ein Mitgefühl auf, das für die eigene Geschichte bis dahin nicht zugänglich war.

Wenn aus einem Erleben ein Ding wird

Zugleich hat jedes Bild eine Nebenwirkung. Heller und Niederwieser zeigen sie am Beispiel der Scham. Wer sagt, jemand „leide an toxischer Scham“, erweckt den Eindruck, Scham sei ein Ding, das einfach in einem entsteht, wie ein Geschwür. Die deutsche Sprache zeigt genauer, was geschieht: Ich schäme mich. Scham ist ein Vorgang, der etwas damit zu tun hat, wie Menschen sich zu sich selbst verhalten. Erst wenn man sie als Vorgang sieht, eröffnen sich Möglichkeiten, mit ihr zu arbeiten.

Ich verstehe NARM so, dass für das innere Kind etwas Ähnliches gilt. Wer von Anteilen oder einem inneren Kind spricht, macht aus einem lebendigen, ständig sich verändernden Geschehen leicht eine Figur mit eigener Geschichte, eigenen Bedürfnissen und festen Eigenschaften. Diese Figur muss dann getröstet, beruhigt oder geschützt werden. Was dabei verloren gehen kann, ist die Erfahrung, dass es sich um einen Prozess handelt, an dem man selbst beteiligt ist und der sich bewegen kann.

Die Emotionsforscherin Lisa Feldman Barrett beschreibt, wie das Gehirn Körperempfindungen mithilfe von Begriffen deutet, die es gelernt hat. Begriffe sind in diesem Verständnis keine bloßen Etiketten, sie wirken mit daran, was wir überhaupt erleben. Daraus lässt sich vorsichtig ableiten: Wenn jede Enge in der Brust und jeder Rückzug sofort als mein verletztes Kind gedeutet wird, kann sich dieses Bild mit der Zeit verfestigen. Aus einem Moment, der kommt und geht, wird dann leicht eine Überzeugung über sich selbst: Das ist eben mein inneres Kind, das war schon immer so.

Kindliches Bewusstsein: was NARM statt eines inneren Kindes sieht

NARM arbeitet mit erwachsenen Menschen und spricht in diesem Zusammenhang von kindlichem und erwachsenem Bewusstsein. Gemeint ist ein Bewusstsein, das mit frühen Anpassungen identifiziert ist, und eines, das sich von ihnen lösen kann. Im kindlichen Bewusstsein erscheinen die Welt, die anderen und man selbst so, wie sie damals erschienen sind. Die anderen wirken größer, man selbst kleiner und mit weniger Möglichkeiten.

Diese Anpassungen waren einmal Schutzleistungen. Ein Kind, das auf seine Bezugspersonen angewiesen ist, gibt eher Teile von sich auf, als die Bindung zu gefährden. Was heute belastet, ist aus NARM-Perspektive nicht die Kindheit selbst. Es ist der Umstand, dass diese Anpassungen fortbestehen, auch dort, wo sie nicht mehr gebraucht werden. Mehr über diese frühen Schutzleistungen kannst du in meinem Artikel über NARM und Überlebensstrategien nachlesen.

Sich von einer Identifikation zu lösen heißt dabei nicht, das Kindliche wegzuschieben. Es heißt, es zu spüren und zugleich zu bemerken, dass man es heute erlebt, als erwachsener Mensch, mit anderen Möglichkeiten als damals. Heller und Niederwieser beschreiben, wie Menschen aus diesem erwachseneren Bewusstsein heraus prüfen können, ob sie sich weiter so begrenzen wollen wie bisher. Sie betonen auch, was dabei nicht gemeint ist: Urheberschaft hat nichts mit Schuld zu tun. Was damals geschah, lag nicht in der Verantwortung des Kindes. Beeinflussen lässt sich heute, wie man sich zu diesen Erfahrungen und zu sich selbst verhält.

Wenn Arbeit mit dem inneren Kind die Identifikation verstärkt

Viele, die mit dem inneren Kind arbeiten, tun das behutsam und mit gutem Grund, gerade im Rahmen einer Psychotherapie. Schwierig kann es werden, wenn das innere Kind zur Hauptfigur des eigenen Lebens wird. Wer immer wieder in alte Szenen zurückgeht, das Kind tröstet und seine Bedürfnisse erfüllen will, verbringt womöglich viel Zeit mit einer Figur und wenig mit dem, was heute möglich wäre.

Heller und Niederwieser sind hier deutlich. Ein tiefes Wiedererleben alter Angst halten sie für nicht hilfreich, weil es „Regression fördert und das kindliche Bewusstsein verstärken kann“ (eigene Übersetzung). Aus NARM-Perspektive ist Regression weniger etwas, das einem passiert. Sie ist auch eine Art, sich zu einer Erfahrung zu verhalten.

Ähnliche Bedenken kommen aus anderen Richtungen. Wolfgang Lutz warnt davor, Probleme nur durch die Brille der eigenen Biografie zu betrachten und dabei die gegenwärtigen Schwierigkeiten aus dem Blick zu verlieren. Ein Interview der Stuttgarter Zeitung mit der Psychotherapeutin Gitta Jacob, die selbst aus der Schematherapie kommt, trägt den Titel: „Man muss das innere Kind auch mal in Ruhe lassen.“

Übungen für das innere Kind aus NARM-Perspektive

Wie können Übungen aussehen, die Menschen bei ihrem Bild abholen, ohne es weiter zu verfestigen? Mein Vorschlag ist, den Begriff ernst zu nehmen und dann neugierig zu fragen, was sich in solchen Momenten zeigt. Die Fragen bleiben dabei in der Gegenwart und offen, sie legen keine richtige Antwort nahe. Einige Beispiele:

  • In welchen Situationen erlebst du etwas, das du als inneres Kind bezeichnen würdest?

  • Was genau von dem, was du dabei erlebst, würdest du deinem inneren Kind zuschreiben, und was eher nicht?

  • Was war kurz davor, bevor dein inneres Kind aktiv wurde? Gibt es in diesem Moment etwas, das du willst oder brauchst?

  • Wenn du heute noch einmal auf dich in dieser Situation schaust: Wie schaust du auf dich?

  • Gibt es einen Moment, in dem es anders war?

Solche Fragen ersetzen keine Begleitung. Sie können aber ein erster Schritt sein, sich an diesen Stellen etwas mehr zu begegnen und neugierig auf sich selbst zu werden.

Das Arbeitsheft zum Ausdrucken: Acht dieser Übungen habe ich in dem kostenlosen Arbeitsheft zusammengefasst, das du oben als PDF herunterladen kannst. Es führt Schritt für Schritt von deinem Wunsch über eine konkrete Situation bis zu der Frage, wie du dich heute zu dir selbst verhältst. Die Übungen sind von NARM inspiriert. Es sind keine offiziellen NARM-Übungen.

Was sich verändern kann und was Begleitung braucht

Wenn das, was man inneres Kind nennt, wieder als Geschehen erlebbar wird, kann ein Zustand, der sich wie eine feste Eigenschaft anfühlte, womöglich beweglicher werden. Veränderung lässt sich dabei nicht herstellen. Aus NARM-Perspektive entsteht sie eher als Nebenwirkung davon, dass etwas gesehen und gefühlt werden darf.

Manches kommt in Übungen zum Selbststudium bewusst zu kurz. Dazu gehören Gefühle, die nie ganz zu Ende gefühlt werden konnten, wie Wut oder Trauer. Sie brauchen Zeit, einen verlässlichen Rahmen und ein Gegenüber, das ihnen Raum gibt und dabei im Kontakt bleibt. Wie NARM mit solchen Gefühlen arbeitet, kannst du im Artikel über emotionale Vervollständigung nachlesen, und wie eng frühe Anpassungen mit Scham verbunden sind, im Beitrag über toxische Scham.

Zur Einordnung gehört auch: Für NARM gibt es bislang keine randomisiert-kontrollierten Wirksamkeitsstudien. Der Ansatz stützt sich auf gut erforschte Nachbarfelder wie die Bindungsforschung. Für das innere Kind als eigenes Konzept fehlen nach dem Stand, den Spektrum.de 2022 zusammengetragen hat, Studien, die seine Wirksamkeit prüfen. Was NARM ist und wo seine Grenzen liegen, habe ich im Artikel über NARM Therapie ausführlicher beschrieben.

Wenn du das nicht allein tun möchtest: In meiner Praxis in Leipzig und online begleite ich Menschen körperorientiert und NARM-informiert dabei, wie frühe Anpassungen heute in ihrem Erleben wirken. Wenn du wissen möchtest, ob diese Arbeit zu dir passt, kannst du ein kostenfreies Orientierungsgespräch von 50 Minuten vereinbaren.

Vielleicht kommt der nächste Moment, in dem eine Nachricht unbeantwortet bleibt und sich etwas in dir sehr jung anfühlt. Was würde sich verändern, wenn du dann nicht nur fragst, was dein inneres Kind gerade braucht, sondern auch, was in dir gerade geschieht und wie du dir selbst dabei begegnest?

Häufige Fragen

Was ist das innere Kind?

Das innere Kind ist eine Metapher für frühe Gefühle, Bedürfnisse und Anpassungen, die im Erwachsenenleben wieder spürbar werden. Der Begriff geht unter anderem auf die Transaktionsanalyse zurück und wurde vor allem durch Ratgeberliteratur bekannt. Aus NARM-Perspektive beschreibt er weniger eine Figur in uns als einen Zustand, in dem das Erleben eines erwachsenen Menschen mit frühen Anpassungen verschmilzt.

Was hat das innere Kind mit Trauma zu tun?

Viele Menschen sprechen vom inneren Kind, wenn frühe belastende Beziehungserfahrungen in der Gegenwart anklingen, etwa bei Entwicklungstrauma. Aus NARM-Perspektive sind die damals entstandenen Anpassungen Schutzleistungen, die heute fortbestehen. Mehr dazu kannst du im Artikel über Entwicklungstrauma nachlesen. Wenn starke Symptome wie Panik, Dissoziation oder anhaltende Niedergeschlagenheit auftreten, kann eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung sinnvoll sein.

Ist die Arbeit mit dem inneren Kind wissenschaftlich belegt?

Für die Arbeit mit dem inneren Kind als eigenständiges Konzept gibt es bislang keine Studien, die ihre Wirksamkeit prüfen. Der Psychotherapieforscher Wolfgang Lutz ordnet das innere Kind als Metapher ein, nicht als Therapiekonzept.

Gibt es Übungen zum inneren Kind als PDF?

Ja. Ich habe acht NARM-inspirierte Übungen zum inneren Kind in einem kostenlosen Arbeitsheft zum Ausdrucken zusammengefasst. Es lädt dazu ein, gegenwartsbezogen zu erkunden, was du erlebst, wenn dein inneres Kind aktiv ist, und wie du dich heute dazu verhältst. Es sind keine offiziellen NARM-Übungen.

Quellen

  • Barrett, L. F. (2023). Wie Gefühle entstehen. Eine neue Sicht auf unsere Emotionen. Hamburg: Rowohlt. (Original: How Emotions Are Made, 2017)

  • Bradshaw, J. (1990). Homecoming: Reclaiming and Championing Your Inner Child. New York: Bantam.

  • Heller, L. & Niederwieser, G. Healing Shame and Guilt / dt. Befreiung von Scham und Schuld. Kapitel 1 (Scham als Prozess) sowie Teil 2 zu Agency, kindlichem und erwachsenem Bewusstsein und zur Arbeit mit Angst.

  • Heller, L. & LaPierre, A. (2012). Healing Developmental Trauma. Berkeley: North Atlantic Books.

  • Lieberman, M. D., Eisenberger, N. I., Crockett, M. J., Tom, S. M., Pfeifer, J. H. & Way, B. M. (2007). Putting feelings into words: Affect labeling disrupts amygdala activity in response to affective stimuli. Psychological Science, 18(5), 421–428.

  • Schultheiß, H. (2022, 4. Juli). Das innere Kind – was ist das eigentlich? Spektrum.de. https://www.spektrum.de/news/das-innere-kind-was-ist-das-eigentlich/2035693

  • Ayerle, N. (2024, 8. März). Psychologie: „Man muss das innere Kind auch mal in Ruhe lassen“ (Interview mit Gitta Jacob). Stuttgarter Zeitung. https://www.stuttgarter-zeitung.de/wissen/psychologie-man-muss-das-innere-kind-auch-mal-in-ruhe-lassen-78887014.html

  • Stahl, S. (2015). Das Kind in dir muss Heimat finden. München: Kailash.

  • Whitfield, C. L. (1987). Healing the Child Within. Deerfield Beach: Health Communications.

Rasmus Chodura, M.A. Motologie (Schwerpunkt Körperpsychotherapie) | NARM™ Master Practitioner. NARM™ (NeuroAffective Relational Model) wurde von Laurence Heller entwickelt; Ausbildungen bietet das NARM Training Institute (narmtraining.com) an. Die NARM-Ausbildung berechtigt nicht zur Ausübung der Heilkunde; mein Angebot ist Begleitung, keine Psychotherapie.

 
 
 

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